Personalarbeit: Der Job als Training

Vor ein paar Tagen haben wir uns zur „Lehrredaktion“ raus in die Sonne gesetzt, auf die Dachterrasse: Die beiden aktuellen Praktikanten Johanna und Marc, unsere neue Volontärin Annika (vorne rechts). Außerdem ich als Senior, der das Ganze leitet (links). Wir machen solche Runden möglichst jede Woche. Dann sitzen wir zusammen und diskutieren über Textentwürfe, besprechen Probleme bei Recherchen und entwickeln Ideen, wie man Artikel am besten aufbaut. Ich bin seit einigen Jahren Lehrredakteur an der Kölner Journalistenschule und habe das Prinzip für wortwert adaptiert.

Am Anfang war die wortwert-interne Lehrredaktion ein Experiment. Damit haben wir eine feste Institution für ein Arbeitsprinzip geschaffen, das bei uns von Anfang an galt. Hier geht nichts raus, was nicht vorher ein Kollege mit größerer Erfahrung gegengelesen und mit dem Autor besprochen hätte. Wir diskutieren permanent über Qualität und Verbesserungsmöglichkeiten: Beim Recherchieren, in der Kundenführung, beim Konzipieren von Texten. Das ist kein „training on the job“. Der Job ist eher eine Art permanentes Training – und zwar für jeden Redakteur.

Das bedeutet eine Menge Arbeit für alle Beteiligten. Der Vorteil ist aber: Auf diese Weise bilden wir über Jahre hinweg gezielt genau die Leute aus, die wir brauchen – und müssen sie nicht auf dem freien Arbeitsmarkt suchen. Letzteres kann zwar auch einmal klappen wie bei unserer aktuellen Volontärin. Doch es wird angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels sicher nicht leichter. Umgekehrt habe ich selbst nie so viel gelernt wie in den Jahren als Lehrredakteur. Wenn man erklären muss, wie man Dinge tut, dann versteht man sie oft selbst zum ersten Mal wirklich.

Ich sehe fünf Erfolgsfaktoren für eine Personalarbeit, die auf Eigengewächse setzt:

1. Kontakte pflegen
Wir versuchen, engen Kontakt zu unseren ehemaligen Praktikanten zu halten. Unsere jährliche Praktikantenparty ist berüchtigt. Wir gehen Kegeln, singen zusammen Karaoke oder treffen uns zum Sommerfest. Es gibt eine eigene Facebook-Gruppe unserer Alumni, darüber hinaus viele persönliche Kontakte. Ergebnis: Die meisten unserer Volontäre und Redakteure sind zuvor irgendwann einmal Praktikanten bei uns gewesen, allein schon, weil wir mitbekommen, wenn sie mit dem Studium fertig werden. Und wenn wir einen neuen Mitarbeiter fürs Team suchen, dann fragen wir auch die Kollegen, an wen SIE denken und wen sie vielleicht empfehlen können.

2. Theorie festigen
Alle unsere Volontäre durchlaufen einen externen Volo-Kurs. Im Haus Busch in Hagen, bei der Akademie der Bayerischen Presse oder bei der Akademie für Publizistik in Hamburg. Wo unsere Volos die theoretischen Grundlagen des Berufs lernen, hängt von ihrer Vorbildung und ihren Interessen ab, sowie nicht zuletzt davon, wann und wo Kursplätze frei sind. Die externe Grundausbildung gehört aber dazu, natürlich inklusive Unterbringung vor Ort (in der Regel vier Wochen). Auch für jeden Praktikanten gibt es zumindest einen Crashkurs in Sachen Journalistisches Schreiben und Journalistische Darstellungsformen.

3. Über den Tellerrand schauen lassen
Unsere Volontäre gehen grundsätzlich für einige Wochen in eine andere Redaktion. Die jungen Kollegen sollen etwas anderes sehen als wortwert. So waren wortwert-Volos schon bei der FAZ, bei der Stuttgarter Zeitung, bei der Schweizer Handelszeitung oder bei der Neuen Zürcher Zeitung. Im besten Fall entscheiden sie sich anschließend ganz bewusst für uns. Im schlimmsten Fall hinterlassen sie bei ihrer Hospitanz einen so guten Eindruck, dass die Unternehmen uns die Mitarbeiter irgendwann abwerben. Aber mal ehrlich: Für eine Firma, die vom guten Ruf ihrer Leute lebt, ist das auch nicht das Schlechteste.

4. Alles in Frage stellen
Wir nerven die jungen Kollegen manchmal schrecklich, glaube ich. Weil wir eigentlich immer etwas zu meckern haben, immer irgendeine Kleinigkeit finden, die man besser machen könnte. Aber das muss auch so sein. Wie sagte Voltaire: „Das Bessere ist der Feind des Guten“. Und das stimmt. Deshalb die Lehrredaktion. Ich selbst lasse meine Texte ebenfalls grundsätzlich von Kollegen gegenlesen. Und die finden auch bei mir IMMER etwas. Nach meiner Erfahrung muss das Feedback lediglich konstruktiv und mit konkreten Verbesserungsvorschlägen verbunden sein. Dann lernt man aus jedem Fehler.

5. Helfen, auch wenn es Arbeit macht
Die andere Seite der Medaille: Wer ständig Nacharbeit fordert und sich eben NICHT mit dem Erstbesten zufrieden gibt, der muss natürlich auch helfen, wenn ein Kollege alleine nicht mehr weiter kommt. Das tun wir in der Lehrredaktion, das tun wir, indem wir Inhalte individuell mit dem jeweiligen Autor durchsprechen, manchmal in großer Runde, manchmal auch indirekt, oder indem wir den Kollegen externe Aus- und Weiterbildungen zugänglich machen.

Es mag trivial klingen. Aber mittlerweile kann ich wirklich nicht mehr genau sagen, wann irgendwer bei wortwert eigentlich mit seiner „Ausbildung“ fertig geworden ist – mich selbst eingeschlossen. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass wir gemeinsam immer weiter dazulernen.

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