Geschäftsmodell: Digitales zu Papier bringen

Zu meinen frühen Kindheitserinnerungen gehört der sprechende Mülleimer in einem Einkaufszentrum kurz hinter der holländischen Grenze: „Papier hier, hier Papier – Papier hier, hier Papier“, brabbelte er unaufhörlich vor sich hin. Wir liebten es, das Ding zu füttern.

Wenn mich heute jemand nach meinem Beruf fragt, sage ich manchmal, ich arbeite in der papierverarbeitenden Industrie. Tatsächlich böte sich dem Vielfraß aus den Niederlanden bei uns ein reichhaltiges Mahl: Zeitschriften und Zeitungen, Blöcke und Post-Its, Fahnen, Mappen und Manuskripte füllen hier Woche für Woche eine große Altpapierbox. Zugegeben: Wir bei wortwert sind weit entfernt von einem papierlosen Büro. Zugleich sind wir ein durch und durch digitales Unternehmen. Wie das zusammenpasst? Ganz hervorragend.

Letztlich sind wir in einer ähnlichen Rolle wie ein Musiker, dessen Werke man auf CD kaufen kann, aber auch bei Amazon und I-Tunes, und der Konzerte gibt, die hinterher bei Youtube landen: Unsere Arbeit bleibt nahezu dieselbe, egal, ob sie nun gedruckt erscheint oder gepostet wird, ob sie im Anschluss jemand vertont oder infografisch illustriert. All dem liegt Text zugrunde. Und selbst wenn das Manuskript in der Redaktion fast immer eine Redigatur mit Rotstift auf Papier hinter sich hat, ist es am Ende wie Musik ein digitales Produkt.

Der Grund für unsere Zettelwirtschaft liegt tiefer: Genau genommen verkaufen wir gar keine Texte, sondern formulierte Gedanken. Und zum Denken, unserer Hauptaufgabe, nutzen viele von uns eben zwei analoge Hilfsmittel: Papier und Stift. Möglicherweise ist das eine gelernte Kulturtechnik – aber mir persönlich fällt das Denken mit Papier nun einmal leichter als bloß mit Tastatur und Bildschirm.

Ich weiß, heute kann man so was auch mit dem Tablet machen. Ich bleibe in der Regel aber doch beim anfassbaren Ausruck, und ich finde, moderne Textarbeit hat nichts mit moderner Oberfläche zu tun. Kürzlich habe ich ein längeres Gespräch mit Klaus-Dieter Koch geführt, Gründer und Geschäftsführer der Markenberatung Brand Trust aus Nürnberg. Er gab mir einen Gedanken mit, der mich bestärkt: Digitalität, sagte Koch mir, sei keine Frage der IT, sondern eine Frage der Haltung. Schließlich unterschieden sich Unternehmen wie Google, Amazon oder Uber ja auch nicht dadurch von den vermeintlich alten Industriekonzernen, dass die anderen noch mit Schreibmaschine arbeiteten. Nein, wenn wir die Digitalität der neuen Weltkonzerne loben, dann loben wie vielmehr eine spezielle Art, mit der sie ihre Geschäfte führen und entwickeln. Was sie dabei auszeichnet, ist fast immer: ihre besondere Kundenorientierung. Koch sagt, er habe inzwischen die Überzeugung gewonnen, dass das oft zitierte Digitale gar nicht besonders viel mit Nullen und Einsen zu tun habe, sondern vor allem damit, die Kunden in den Mittelpunkt des Geschäfts zu stellen.

Als redaktioneller Dienstleister entspricht das präzise unserer Haltung. wortwert fühlt sich also höchst digital. Trotz all des Papiers. Oder möglicherweise sogar gerade deswegen.

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